Steh auf und geh © KHG

„Steh auf und geh!“


Ökumenischer Weltgebetstag der Frauen

Am Freitag, den 6. März 2020 feierten Menschen in allen Teilen der Erde ökumenische Gottesdienste mit dem Titel „Steh auf und geh!“ Die Gebete, Lieder und Texte dazu stammen von christlichen Frauen aus Simbabwe.

Bibelstelle: Johannes 5,2-9
(Übersetzung Zürcher Bibel)
In Jerusalem beim Schaftor ist ein Teich mit fünf Hallen, der auf hebräisch Betesda heißt. In den Hallen lagen viele Kranke. Dort war auch ein Mensch, der seit achtunddreißig Jahren an seiner Krankheit litt. Als Jesus diesen liegen sieht und erkennt, dass er schon lange Zeit leidet, sagt er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen, der mich, sobald das Wasser aufgewühlt wird, in den Teich trägt; und wenn ich versuche, selber dorthin zu kommen, steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus sagt zu ihm: Steh auf, nimm deine Matte und zeig, dass du gehen kannst! Und zugleich wurde der Mensch gesund, er nahm seine Matte und konnte gehen.

Ansprache von Mag.a Annamaria Kapeller
Liebe Feldkirchner Frauen, herzlichen Dank für die Einladung, es freut mich, heute da zu sein und mit euch zu feiern. Der Weltgebetstag liegt mir sehr am Herzen und ich finde die Bibelstelle, die die Frauen aus Simbabwe für heuer ausgesucht haben, passt perfekt zum Weltgebetstag, denn sie beschreibt das Anliegen von uns Weltgebetstags-Frauen. Wir möchten Menschen ermutigen, natürlich wir uns auch gegenseitig, nicht im Unglück stecken zu bleiben, sondern auf Gott zu vertrauen und aus diesem Vertrauen heraus selbstbewusst das Leben zu gestalten.

Dazu ist es notwendig aufmerksam hinzuschauen, wo denn die Probleme liegen. Keine Schönfärberei zu betreiben, sondern die Realität auszuhalten. Jesus lebt uns das vor – auch und gerade in dieser Bibelstelle

Jesus sieht den Kranken, geht auf ihn zu und spricht ihn an. Sein ganzes Leben lang wartet dieser Mensch auf Heilung – 38 Jahre lang, bisher immer vergeblich. Doch der Kranke gibt nicht auf. Wie anstrengend muss es sein, jeden Tag aufs Neue, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, um es vielleicht eines Tages zu schaffen; um eines Tages die heilende Quelle als erster zu erreichen.

„Beth -chesta“ wird diese Wasserquelle, dieser Teich genannt. Das bedeutet übersetzt „Haus der Gnade/Liebe Gottes“. Ist der Kranke nicht eigentlich am richtigen Ort? Und trotzdem stellt sich keine Heilung ein?!

Erst die Begegnung mit Jesus verändert alles. Jesus sieht, fragt, hört zu. Das ermutigt zur Selbstermächtigung, das lässt den Kranken über sich hinauswachsen und seine Lebenskraft wiederentdecken. Er verharrt nicht mehr in seinem Unglück, wartet nicht mehr untätig. Er steht auf und geht.

Solche Situationen kennt wohl jede/r von uns, vielleicht nicht in dieser Dramatik, aber das Gefühl, auf der Stelle zu treten, blockiert und deprimiert zu sein, weil notwendige Veränderungen sich nicht einstellen, hat jede/r von uns schon mindestens einmal in seinem Leben erfahren. Wie schwer ist es, da raus zu kommen; doch manchmal braucht es nur einen kleinen Schupps von außen – von einer lieben Freundin zum Beispiel. Allein das Gesehen werden, dass jemand zuhört und Verständnis zeigt, hilft schon.

„Willst du gesund werden?“, mit welcher absurden Frage Jesus den Kranken anspricht. Niemand wird doch krank sein wollen?

In ihrem Buch „Erlösung aus Prägung“, schreibt die Theologin und Psychologin Monika Renz, dass wir alle, jede/r einzelne von uns, unseren ganz persönlichen Rucksack mit uns tragen. Unsere Ahnen haben über Generationen diesen Rucksack für uns eingepackt. Darin finden sich hart erworbene Stärken, unsere Ressourcen, aber auch tonnenschwere Lasten, die für ein erfülltes Leben zum Hindernis werden können. Manche dieser Prägungen erstarren im Laufe unseres Lebens, führen zu Verhärtungen, zu krank machenden Blockaden. Solche Prägungen sind, nach dem Verständnis von Renz codierte Erfahrungen, die sich in unserer DNA verankern. Aus diesen Mechanismen finden wir Menschen aus eigener Kraft nicht heraus – wir sind erlösungsbedürftig. Für Renz ist Prägung auf der menschlichen Ebene nicht lösbar. Wandlung und Erlösung geschehen ihr zufolge nicht ohne das DRITTE, nicht ohne das Außerhalb – nicht ohne die Bewegung Gottes auf den Menschen zu, nicht ohne Gnade.

Doch Prägung bleibt auch dann unauflösbar, wenn nicht auch der Geprägte seinerseits offen ist. An der Einsicht des Menschen, so Renz, führt kein Weg vorbei. Im Erlösungsgeschehen ist der auf uns Menschen zugehende Gott angewiesen auf das menschliche JA. Erlösung und Neuwerdung geschehen, wo Gnade und menschliche Offenheit zusammenfinden.

So wird Jesu Frage: Willst du Gesund werden?  zur Frage: Woran klammerst du dich? Was hält dich wirklich zurück? Bist du bereit, deine alten, verhärteten, krankmachenden Muster anzuschauen und loszulassen, um hier in „Beth- chesda“ – im Haus der Gnade Gottes – ganz auf Gott zu vertrauen?

„Ich habe keinen Menschen, es ist niemand da….“ Diese Antwort macht die Situation des Krankseins offenkundig. Es hapert in den Beziehungen. Der Kranke sieht nun selbst, dass er an Beziehungslosigkeit, Beziehungsunfähigkeit leidet. Beziehungen tragen, besonders dann, wenn es einem nicht gut geht. Doch er kann nicht in Beziehung treten. Er ist auch nicht auf Jesus zugegangen und hat um Hilfe gebeten, sondern Jesus auf ihn. Jesu Frage lässt ihn auf seine Verhärtungen schauen und erkennen, dass er diese selbst nicht auflösen kann, aus eigener Kraft ist dies nicht zu schaffen! Es braucht Gottes ausgestreckte Hand, sie kommt den Kranken in Jesus entgegen und lässt seine verlorengegangene Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen heil werden.

„Steh auf!“ – werde aktiv, bleib nicht im Anschauen deines krankmachenden Mechanismus stecken. Vertrau auf Gott und alles wird gut.

„Nimm deine Matte“ – nimm deinen Rucksack mit allem, was dich ausmacht, allen Prägungen, allem Schweren, was dir aufgeladen wurde und schau auch auf alle Möglichkeiten, Chancen und Ressourcen, die du hast. Gott nimmt dein „Gewordensein“ ernst und das sollst du auch tun. Nichts wird verdrängt oder verleugnet – nun kann es sich wandeln.

„Geh!“ – ist die bekräftigende Aufforderung Jesu zur Selbstermächtigung. Es ist alles in dir angelegt, Gott hat dir alles mitgegeben, was du brauchst. Du kannst es! Überwinde deine Ängste! Deine Liebesfähigkeit kann sich neu entfalten.

Offen zu bleiben für die Begegnung mit Gott, ist Herausforderung und Notwendigkeit. Wir alle tragen prall gefüllte Rucksäcke mit uns, schnüren wir sie auf und schauen wir auf den krankmachenden Ballast, auf die uns mitgegebenen und eingelernten Muster. Das verlangt von uns Überwindung, Mut und Gottvertrauen, doch wir werden mit Sicherheit freier und beziehungsfähiger durchs Leben gehen, im kleinen Umfeld wie im großen Globalen. Vielleicht wagen wir dann auch einen realistischen Blick auf die Situation unserer Erde und halten die Gefühle von Ohnmacht, Ausweglosigkeit und Verzweiflung aus, ohne darin stecken zu bleiben und finden möglicherweise Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit: Warum nehmen wir die Ungleichbehandlung von Menschen auf Grund ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft in Kirche und Gesellschaft hin? Wieso schaffen wir es nicht, die Güter der Erde gerecht zu verteilen? Wie können wir dem Elend und Sterben so vieler Menschen jenseits unserer Grenze zuschauen? Warum opfern wir Gottes Schöpfung auf den Altären der Wirtschaft?

„Es muss doch mehr als alles geben“ formulierte die große Theologin Dorothee Sölle. So wie es läuft in der Welt, kann das nicht das Letzte, kann das nicht alles sein. Es gibt ein darüber hinaus, ein Außerhalb unserer Vorstellungen.

Vertrauen wir darauf, Gottes Hand bleibt ausgestreckt, wartet auf unser ehrliches Ja. Damit Erlösung und Wandlung geschehen können, die Wirklichkeit sich verändert und sogenannte Andersorte entstehen – mitten in der Welt, wie kleine Inseln, die uns eine Wirklichkeit zeigen, die wir nicht für möglich halten. Andersorte „Häuser der Liebe Gottes“, in denen vorweggenommen und sichtbar wird, was uns im Himmel versprochen ist – wie dieses Wunder der Heilung.

Ein paar Kapitel später im Johannes Evangelium sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“. Als Christ/innen sind wir ermächtigt, Jesu Werk weiterführen. Wir dürfen die Ermutigung Jesu – selbstbewusst und voll Vertrauen – weiterleben, indem wir tun, was Jesus getan hat: Hinschauen, zuhören, beistehen, ermutigen, zutrauen – und miteinander den Weltgebetstag feiern.

© Mag.a Annamaria Kapeller (feministische Theologin, Pastoralassistentin und Krankenhausseelsorgerin)

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